Zum Auftakt der Tarifverhandlungen in der Textilindustrie Ost ist der Arbeitgeberverband vti am 10. März 2026 in Chemnitz ohne eigenes Angebot erschienen. Das Vorgehen sorgt bereits zu Beginn der Tarifrunde für deutliche Kritik und erhöht den Druck auf die anstehenden Gespräche zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten.
Forderungen der Gewerkschaften
Die Beschäftigten gehen mit klaren Forderungen in die Tarifrunde 2026. Gefordert werden:
- 5 Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 150 Euro
- eine überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütungen
- die Verlängerung der tariflichen Altersteilzeit
Der neue Tarifvertrag soll eine Laufzeit von 12 Monaten haben. Laut IG Metall liegen die Forderungen bereits seit mehreren Wochen auf dem Tisch der Arbeitgeber.
IG Metall kritisiert Verzögerungstaktik der Arbeitgeber
„Wer ohne Angebot in diese Verhandlungen geht, verkennt die Realität“, sagte Eileen Müller, Verhandlungsführerin der IG Metall, nach der ersten Gesprächsrunde.
Die Preise für viele Dinge des täglichen Lebens seien weiterhin hoch. „Ob im Supermarkt, bei der Miete oder aktuell wieder deutlich an der Zapfsäule – die Beschäftigten spüren die steigenden Kosten jeden Tag“, so Müller.
Für Verzögerungstaktiken gebe es deshalb kein Verständnis.
Beschäftigte reagieren verärgert auf erste Verhandlungsrunde
Auch in den Betrieben sorgt der Auftakt der Tarifrunde für Kritik.
„Seit mehreren Wochen haben die Arbeitgeber unsere Forderungen auf dem Tisch. Jetzt ohne Angebot in die Verhandlungen zu gehen, finde ich miserabel“, sagt Reiko Mothes, Mitglied der Tarifkommission und Betriebsratsvorsitzender beim Unternehmen Adient.
Beschäftigtenbefragung zeigt klare Erwartungen
Eine Befragung der IG Metall unter Beschäftigten der Branche zeigt laut Gewerkschaft ein eindeutiges Bild: Viele Arbeitnehmer sehen angesichts der Preissteigerungen der vergangenen Jahre einen dringenden Bedarf für spürbare Einkommensverbesserungen.
Der geforderte Mindestbetrag von 150 Euro soll insbesondere Beschäftigte in unteren Entgeltgruppen stärker entlasten, da diese die steigenden Lebenshaltungskosten besonders stark spüren.
Auch die Ausbildungsvergütungen sollen überproportional steigen. Hintergrund ist der zunehmende Wettbewerb um Nachwuchs und Fachkräfte in der Branche.
Ein weiteres zentrales Thema bleibt die tarifliche Altersteilzeit. Laut Befragung halten nahezu 100 Prozent der Teilnehmenden ihre Fortführung für unverzichtbar.
Hohe Wechselbereitschaft in der Branche
Die Umfrage zeigt zudem eine wachsende Wechselbereitschaft unter Beschäftigten der Textilindustrie Ost. Weniger als ein Drittel der Befragten schließt einen Jobwechsel grundsätzlich aus. Die Mehrheit denkt zumindest darüber nach, den Arbeitgeber oder sogar die Branche zu verlassen.
„Das ist ein ernstes Signal für die Textilindustrie Ost“, betont Müller. „Wenn die Unternehmen ihre Fachkräfte halten wollen, müssen sie jetzt liefern – mit fairen Einkommen und klaren Perspektiven.“
Tarifbotschafter informieren Belegschaften
In vielen Betrieben unterstützen sogenannte Tarifbotschafterinnen und Tarifbotschafter die laufende Tarifbewegung. Sie informieren ihre Kolleginnen und Kollegen über den Stand der Verhandlungen, erklären mögliche nächste Schritte und geben die Stimmung aus den Belegschaften an die Tarifkommission weiter.
Zudem sammeln sie Streikbekenntnisse, falls es in den kommenden Wochen zu keiner Einigung mit den Arbeitgebern kommt.
Warnstreiks ab April 2026 möglich
Die nächste Verhandlungsrunde ist für 24. März 2026 geplant. Die Friedenspflicht endet am 31. März. Sollte bis dahin kein Tarifabschluss erreicht werden, könnten ab dem 1. April Warnstreiks in der Textilindustrie Ost stattfinden.
Vergleich: Tarifabschluss bei textilen Diensten
Bei tarifgebundenen textilen Dienstleistern wurde bereits im September 2025 ein Tarifabschluss erzielt. Beschäftigte erhalten seitdem 2,1 Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 60 Euro. Auch Auszubildende bekommen 60 Euro mehr Vergütung.
Im September 2026 folgt eine zweite Erhöhungsstufe von 2,5 Prozent, mindestens 70 Euro.
Zusätzlich wurde die tarifliche Altersteilzeit verlängert und verbessert. Die monatliche Aufzahlung stieg bereits 2025 von 665 auf 690 Euro und soll 2026 auf 715 Euro steigen.
Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 21 Monaten.